Unsere Eule-Orgel

Die Orgel in Klaffenbach wurde von Hermann Eule und seiner Orgelbauwerkstatt im Bautzen als opus 131 für 8.666 Mark 1911 neu erbaut lt. Kostenanschlag vom 31.12.1910. Bemerkenswert ist, dass die Orgel gleich von Anfang an (1911!) mit einem elektrischen Ventilator der Schweizer Firma Meidinger für 1.080 Mark ausgestattet war. Beides wurde vom Kirchenvorstand (Pfarrer Grube) am 27.2.1911 beauftragt.

Die Anlieferung erfolge am 8.12.1911 und die Aufstellung sollte 3 Wochen dauern, da die Orgel, wie damals üblich, zuvor bereits komplett in der Werkstatt gebaut wurde. Das Gehäuse baute im Auftrag von Eule Tischlermeister Wilhelm Schmidt aus Bautzen für weitere 830 Mark. Die ursprünglich geplanten Verzierungen wurden aus Kostengründen weggelassen. Die Abnahmeprüfung führte Kirchenmusikdirektor Meinel von St. Markus in Chemnitz am 17.1.1912 aus und weihte sie mit einem Konzert am gleichen Tag ein, um die Orgel „nach Vollendung des Werkes in ihrer ganzen Klangwirkung zu hören“. Die Orgel hatte „sich schon bisher in den Gottesdiensten als ausgezeichnet erwiesen“, d.h. vermutlich war ein Teil der Orgel zur Kirchweihe am 24.12.1911 bereits spielbar.

Die Orgel hat Taschenladen nach dem System von Friedrich Witzig mit stehenden Taschenventilen und rein pneumatischer Traktur. Dieses System wurde in Bautzen (mit Ausnahmen) 52 Jahre lang gebaut und unsere Werkstatt erwarb damit langfristige Erfahrungen.

1914 erste Jahreswartung durch unsere Orgelbauer für 20 Mark, bis 1933 unregelmäßig beauftragt. Bei der Wartung am 16.4.1923 wurden daraus 38.600 Mark, ab 1925 dann 35 Mark, 1930 sogar nur 15,50 Mark.
Am 10.6.1917 bescheinigte Hermann Eule der Kirchgemeinde, dass der Ausbau der Glocken für Kriegszwecke nur bei einem Teilausbau der Orgel mit erheblichen Kosten möglich ist. Geholfen hat es leider nicht… Von der zeitgleichen Enteignung der Zinn-Prospektpfeifen blieb die Gemeinde hingegen verschont, da die Orgel 1911 bereits Zinkpfeifen erhalten hatte, wie es damals modern war.

1935 Ausreinigung, Regulierung und Stimmung durch eine unbekannte Orgelwerkstatt, die vermutlich selbst das günstige Angebot von Fa. Eule noch unterbieten konnte. Dabei wurde der Principalbaß 8‘ zu einer modischen Weitflöte 4‘ abgesägt (d.h. in der Länge halbiert). Wegen auftretender Mängel, aber auch Bombenschäden an der Kirche führte bereits 1946 Fa. Eule eine Notreparatur und 1947 eine größere Überholung für 1.080 Mark aus (mit Austausch von 210 Taschen).

Durch undichte, provisorische Fenster war schon 1948 wieder eine Reparatur nötig. 1951, 1953, 1954, 1955, 1963, 1968, 1978 und 1983 erfolgten kleinere Reparaturen und Wartungen.

Seit 1977 wurde eine Generalüberholung geplant, konnte aber erst 1986-87ausgeführt werden. Die abgesägte Weitflöte wurde wieder zum Principalbaß 8‘ angelängt. 393 Membranenbälgchen in der gesamten Orgel wurden ausgewechselt, 1.326 Taschenventile überholt, 90 davon neu mit feinem Leder bezogen. Die Manualklaviaturen wurden abgeschliffen, gebleicht und neu poliert, alle Klaviaturen garniert, die Relaisscheiben der Vorgelege erneuert, die gesamte Orgel gegen Holzwurm imprägniert und eine Innenbeleuchtung installiert (nur die automat. Pedalumschaltung blieb außer Betrieb). Die Abnahme erfolgte am 20.10.1987 durch den Orgelsachverständigen und KMD Gerhard Nöbel aus Bautzen. Die Kosten betrugen 34.095 Mark, wovon 13.802 Mark durch die staatliche Preisstützung gedeckt wurden (über eine solche automatische Förderung könnte man sich heute freuen…). Im Mai 1988 wurde noch ein neuer (der Gemeinde aus Westdeutschland geschenkter) Ventilator mit Drossel eingebaut (1.226 Mark). 1990 und 1995 erfolgten letztmals Wartungen durch unsere Orgelbauer.

Hermann Eule und seine Orgel

Hermann Eule (1846-1929) gründete die Orgelbauwerkstatt in Bautzen 1872. Sein Beitrag zum sächsischen Orgelbau liegt einerseits im technischen Bereich: als erster der sächsischen Meister wandte er sich dauerhaft dem neuen, für romantische Orgelmusik besonders geeigneten System der mechanischen Kegellade zu, die er bei Schlimbach in Süddeutschland kennengelernt hatte. Weitere Neuerungen waren Kollektivtritte, Schwellwerke, frei stehende Spieltische, II. Manual oft als Unterwerk (dadurch klanglich mit Echo- bzw. „Fernwirkung“) Kastenbälge (letztere gab es allerdings in Sachsen häufig). Anders als manche Zeitgenossen, die unentwegt neue Systeme ausprobierten und oft mangels Erfahrung wieder ablegten (Kreutzbach), konnte Eule durch die kontinuierliche Verfolgung des einmal gewählten Systems eine hohe Funktionssicherheit und Zuverlässigkeit erreichen. Das zeigt auch der hohe Erhaltungsgrad seiner mechanischen Orgeln, die bis 1901 gebaut wurden, trotz der Umbauwellen der Pneumatik und der Orgelbewegung und von Kriegsverlusten.

Doch auch klanglich brachte Hermann Eule ein ganz eigenständiges, neuartiges Klangkonzept nach Sachsen, dass sich auszeichnete durch neue, hochromantische, süddeutsch geprägte Klangfarben: durchschlagende Zungenstimmen, große Flöten, feine Streicher, kraftvolle, sonore Principale, dunkle Cornette – zu Beginn als süddeutsches Oktavcornett (z.B. Gaußig) und einen voluminösen, majestätischen Gesamtklang. Gegenüber dem sehr konservativ von der Silbermannschule geprägten südsächsischen Orgelbau (Schubert, Jehmlich, Kohl) war dies eine sehr moderne Klanggebung.

Bemerkenswert ist die deutliche Entwicklung, die Eule in seinem Klangbild vollzieht. Von den sehr deutlich süddeutsch-hochromantisch beeinflussten frühen Orgeln mit charakteristischen Registern wie Schweizergambe 4‘ und Cornettmixtur 5fach begann in den 1890erJahren die Aufnahme spätromantischer Tendenzen in Disposition, Intonation und Dynamik: feine Ausdifferenzierung der Streicher im Schwellwerk, großes, registerzahlmäßig fast ebenbürtiges Schwellwerk, Ausweitung der dynamischen Bandbreite (z.B. Aeoline 8‘, Vox coelestis 8‘, Dolce 8‘, Flötenbass 16‘), dickwandiges Jalousieschwellwerk statt der frühen Flügeltürenschweller. Nur wenige Jahre später vollzog Eule den Übergang zur Spätromantik auch im technischen Bereich: ab etwa 1890 baute er Registerschaltungen pneumatisch und ab 1901 baute er vollpneumatische Taschenladen.

Die Klaffenbacher Orgel ist mit 22 Registern (+ 1 Transmission) eine mittelgroße Orgel. Sie ist erfreulicherweise fast unverändert erhalten und ein interessantes, wichtiges Zeugnis des spätromantischen Orgelbaus mit der typischen reichen Ausstattung an Grundtonregistern (8‘), der großen Dynamik und den modernen Spielhilfen. Sie ist ideal für die Begleitung der singenden Gemeinde sowie von Sängern, Chören und Instrumentalisten. Mit ihrer Größe erlaubt sie aber auch, konzertant zu spielen und ist ganz besonders prädestiniert für Literatur der Spätromantik um 1900: Merkel, Rheinberger, Brahms, Reger, Karg-Elert u.a..

Das Bemerkenswerte an der Klaffenbacher Orgel ist ihr auf nur 22 Register konzentriertes ausgeprägt spätromantisches Klanggefüge – von der ätherisch zarten Vox coelestis bis zur schmetternden Trompete -, das sie sogar zur Konzertorgel befähigt – eine wunderbar typische spätromantische Orgel. Der volle, warme und grundtönige, raumfüllende Klang in der typischen kraftvollen Intonation Hermann Eules mit der großen dynamischen Bandbreite vom Pianissimo der Aeoline bis zum Tutti aller Register ist noch immer hörbar. Man staunt, wie frisch bzw. fast neu manche Holzteile aussehen (Windladenunterseiten) und erkennt daran, dass Hermann Eule seine Taschenladenorgeln sehr sorgfältig aus gutem Material gebaut hat. Ihre Erhaltung und Wiederherstellung sind daher sehr lohnenswert.

Der technische Erhaltungszustand ist grundsätzlich gut, aber nach 33 Jahren ohne grundlegende Überholung mit deutlichem Verschleiß und Verschmutzung.